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Unterweisung Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz (AGG): Pflichten, Inhalte und rechtssichere Umsetzung im Betrieb
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Steckbrief
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- Allgemein · Rechtliches
- Rechtsgrundlage
- AGG - Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz
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- Deutsch, Englisch, Französisch und weitere
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- UWC-Nr. 5003
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In der betrieblichen Praxis betrifft das AGG weit mehr als Stellenausschreibungen. Es wirkt in Auswahlverfahren, bei Beförderungen, in der Entgeltgestaltung, bei Weiterbildungsentscheidungen, in Schichtplänen, in Kündigungssachverhalten und im täglichen Umgangston. Abwertende Bemerkungen über Herkunft, Alter oder sexuelle Identität, unbedachte Fragen im Vorstellungsgespräch oder ein duldendes Wegsehen bei Belästigungen können unmittelbar Entschädigungs- und Schadensersatzansprüche auslösen.
Diese Seite gibt Personalverantwortlichen, Führungskräften, Sicherheitsbeauftragten und Betriebsräten einen strukturierten Überblick: Welche Rechtsgrundlagen gelten, welche Pflichten treffen den Arbeitgeber konkret, welche Inhalte gehören in eine wirksame AGG-Unterweisung, wie hängen AGG und Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung zusammen, in welchen Intervallen ist zu unterweisen und wie wird das Ganze so dokumentiert, dass es im Streitfall trägt. Ergänzt wird der Überblick durch eine Checkliste, typische Fehler aus der Praxis und Antworten auf die häufigsten Fragen.
Abschnitt 1
Rechtliche Grundlagen
Kernvorschriften des AGG
- § 1 AGG (Ziel): Verhinderung und Beseitigung von Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität. Diese acht Merkmale bilden den abschließenden Katalog des Gesetzes.
- § 2 AGG (Anwendungsbereich): unter anderem Zugang zu Erwerbstätigkeit, Auswahlkriterien, Beschäftigungs- und Arbeitsbedingungen, Entgelt, berufliche Bildung sowie Mitgliedschaft in Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden.
- § 3 AGG (Begriffsbestimmungen): unmittelbare Benachteiligung, mittelbare Benachteiligung, Belästigung, sexuelle Belästigung und die Anweisung zur Benachteiligung.
- §§ 8 bis 10 AGG: eng auszulegende Rechtfertigungstatbestände, etwa wesentliche berufliche Anforderungen oder zulässige unterschiedliche Behandlung wegen des Alters.
- § 11 AGG: Arbeitsplätze dürfen nicht unter Verstoß gegen § 7 Abs. 1 AGG ausgeschrieben werden.
- § 12 AGG: Organisations-, Schulungs-, Reaktions- und Bekanntmachungspflichten des Arbeitgebers.
- § 13 AGG: Beschwerderecht der Beschäftigten und Pflicht zur Einrichtung einer zuständigen Beschwerdestelle.
- § 14 AGG: Leistungsverweigerungsrecht bei Belästigung, wenn der Arbeitgeber keine oder offensichtlich ungeeignete Maßnahmen ergreift.
- § 15 AGG: Schadensersatz und Entschädigung; Ansprüche sind nach § 15 Abs. 4 AGG innerhalb von zwei Monaten schriftlich geltend zu machen, die Klagefrist ergibt sich aus § 61b ArbGG.
- § 16 AGG: Maßregelungsverbot zum Schutz von Beschwerdeführenden und Zeuginnen bzw. Zeugen.
- § 22 AGG: Beweislasterleichterung – wer Indizien vorträgt, die eine Benachteiligung vermuten lassen, verschiebt die Beweislast auf den Arbeitgeber.
- § 25 AGG: Antidiskriminierungsstelle des Bundes als Anlauf- und Beratungsstelle.
Flankierende Vorschriften
Der Arbeitsschutz greift die Thematik über die psychische Belastung auf: Nach § 5 Abs. 3 Nr. 6 ArbSchG sind psychische Belastungen bei der Arbeit ausdrücklich Gegenstand der Gefährdungsbeurteilung; § 12 ArbSchG verpflichtet zur ausreichenden und angemessenen Unterweisung während der Arbeitszeit. DGUV Vorschrift 1 „Grundsätze der Prävention" konkretisiert die Unterweisung in § 4 und fordert eine Wiederholung mindestens jährlich; die DGUV Regel 100-001 erläutert dies weiter. Ergänzend gelten § 75 BetrVG (Grundsätze für die Behandlung der Betriebsangehörigen), § 17 AGG zur Beteiligung von Betriebsrat und Gewerkschaft sowie die Regelungen des SGB IX für schwerbehinderte Menschen, des MuSchG und des JArbSchG. Für inhaltliche Orientierung im Umgang mit Altersvielfalt bietet sich die DGUV Information 206-004 „Die Mischung macht's: Jung und Alt gemeinsam bei der Arbeit" an.
Zugrunde liegende Regelwerke
Die Verweise führen zur jeweils herausgebenden Stelle.
Abschnitt 2
Pflichten des Arbeitgebers
§ 12 AGG formuliert eine gestufte Pflichtenkette, die weit über ein bloßes Diskriminierungsverbot hinausgeht.
Präventionspflicht (§ 12 Abs. 1 und 2 AGG)
Der Arbeitgeber hat die erforderlichen Maßnahmen zum Schutz vor Benachteiligungen zu treffen – vorbeugend, nicht erst nach einem Vorfall. Absatz 2 stellt ausdrücklich klar: Wer seine Beschäftigten in geeigneter Weise zum Zweck der Verhinderung von Benachteiligung schult, erfüllt damit seine Pflichten nach Absatz 1. Die dokumentierte AGG-Unterweisung ist deshalb kein Nice-to-have, sondern der praktikabelste Nachweis der Pflichterfüllung.
Reaktionspflicht (§ 12 Abs. 3 und 4 AGG)
Verstoßen Beschäftigte gegen das Benachteiligungsverbot, hat der Arbeitgeber die im Einzelfall geeigneten, erforderlichen und angemessenen Maßnahmen zu ergreifen – von der Ermahnung über Abmahnung, Umsetzung und Versetzung bis zur Kündigung. Absatz 4 erstreckt die Schutzpflicht auf Benachteiligungen durch Dritte, etwa Kundinnen und Kunden, Patientinnen und Patienten, Lieferanten oder Beschäftigte von Fremdfirmen.
Bekanntmachungspflicht (§ 12 Abs. 5 AGG)
Das AGG, § 61b ArbGG und Informationen über die zuständige Beschwerdestelle sind im Betrieb bekannt zu machen – durch Aushang, Auslage an geeigneter Stelle oder durch Einsatz der im Betrieb üblichen Informations- und Kommunikationstechnik. Ein Intranet-Bereich genügt, wenn alle Beschäftigten tatsächlich Zugriff haben.
Organisationspflichten
- Einrichtung und Bekanntgabe einer Beschwerdestelle nach § 13 AGG mit definiertem, nachvollziehbarem Verfahren
- Diskriminierungsfreie Gestaltung von Ausschreibungen, Auswahlverfahren, Beurteilungs- und Entgeltsystemen
- Einbeziehung psychischer Belastungen in die Gefährdungsbeurteilung nach § 5 ArbSchG
- Unterweisung vor Aufnahme der Tätigkeit und bei Veränderungen (§ 12 ArbSchG, § 4 DGUV Vorschrift 1)
- Dokumentation aller Maßnahmen, Schulungen und Beschwerdevorgänge
Abschnitt 3
Inhalte der Unterweisung
1. Ziele und Grundgedanken des Gesetzes
Einstieg über Zweck und Entstehung: europäische Richtlinien, Schutz der Würde und der Chancengleichheit, Geltung sowohl im Arbeitsleben als auch im allgemeinen Zivilrechtsverkehr. Wichtig ist die Botschaft, dass das AGG keine Bevorzugung anordnet, sondern sachfremde Unterscheidungen unterbindet.
2. Die acht geschützten Merkmale
Rasse und ethnische Herkunft, Geschlecht, Religion und Weltanschauung, Behinderung, Alter, sexuelle Identität. Herauszuarbeiten ist, dass der Katalog abschließend ist, dass auch die vermutete Zugehörigkeit geschützt ist und dass Mehrfachdiskriminierung möglich ist.
3. Die vier Benachteiligungsformen nach § 3 AGG
- Unmittelbare Benachteiligung: eine Person erfährt wegen eines Merkmals eine weniger günstige Behandlung – etwa eine Ausschreibung, die ausdrücklich junge Bewerberinnen und Bewerber sucht.
- Mittelbare Benachteiligung: ein neutrales Kriterium wirkt sich benachteiligend aus – etwa eine Sprachanforderung ohne fachliche Notwendigkeit oder der pauschale Ausschluss von Teilzeitkräften von Fortbildungen.
- Belästigung: unerwünschte Verhaltensweisen, die die Würde verletzen und ein von Einschüchterung, Anfeindung, Erniedrigung oder Beleidigung geprägtes Umfeld schaffen – etwa wiederkehrende Witze über die Herkunft einer Kollegin.
- Sexuelle Belästigung: unerwünschtes sexuell bestimmtes Verhalten, von anzüglichen Bemerkungen und Bildern bis zu körperlichen Übergriffen; entscheidend ist die Unerwünschtheit, nicht die Absicht des Handelnden.
- Anweisung zur Benachteiligung: auch wer eine Benachteiligung anordnet, verstößt gegen das Gesetz – relevant etwa, wenn eine Führungskraft verlangt, Bewerbungen bestimmter Gruppen auszusortieren.
4. Zulässige unterschiedliche Behandlung
Praxisnah zu behandeln sind die engen Ausnahmen der §§ 8 bis 10 AGG sowie positive Maßnahmen nach § 5 AGG. Beispiele: körperliche Mindestanforderungen mit belegbarer Tätigkeitsbezogenheit, Loyalitätsanforderungen kirchlicher Träger, Altersgrenzen aus Sicherheitsgründen.
5. Rechte der Betroffenen und Betriebsabläufe
Beschwerderecht und Beschwerdestelle nach § 13 AGG, Leistungsverweigerungsrecht nach § 14 AGG, Entschädigung und Schadensersatz nach § 15 AGG samt Zwei-Monats-Frist, Maßregelungsverbot nach § 16 AGG, Beweislastregel des § 22 AGG sowie die Rolle der Antidiskriminierungsstelle des Bundes nach § 25 AGG.
6. Handlungssicherheit für Führungskräfte
Diskriminierungsfreie Formulierung von Stellenanzeigen, unzulässige Fragen im Vorstellungsgespräch, objektivierte Auswahl- und Beurteilungskriterien, Umgang mit Beschwerden, Vertraulichkeit, Dokumentation von Bewerbungsunterlagen, Reaktion auf Vorfälle durch Dritte.
7. Fallarbeit
Kurze Szenarien mit Entscheidungsfragen verankern das Gelernte: der abgelehnte Bewerber mit Schwerbehinderung, die Kollegin, die aus der Teamrunde ausgeschlossen wird, der Kunde mit rassistischen Äußerungen gegenüber einer Servicekraft, die Ablehnung eines Teilzeitwunsches.
Abschnitt 4
Gefährdungen & Schutzmaßnahmen
Typische Gefährdungssituationen
- Personalauswahl mit unstrukturierten Interviews und undokumentierten Absagegründen
- Beurteilungs- und Beförderungsentscheidungen ohne nachvollziehbare Kriterien
- Schicht-, Urlaubs- und Dienstplangestaltung ohne Rücksicht auf Fürsorgepflichten oder religiöse Bindungen
- Kunden-, Patienten- und Publikumskontakt mit Übergriffen durch Dritte (§ 12 Abs. 4 AGG)
- Informelle Kommunikationskanäle, Chatgruppen und Betriebsfeiern
- Barrieren für Menschen mit Behinderung an Arbeitsplatz, Zugang und in digitalen Systemen
Schutzmaßnahmen nach dem TOP-Prinzip
Technisch: barrierefreie Gestaltung von Arbeitsplätzen, Software und Intranet; strukturierte, anonymisierbare Bewerbungsverfahren; digitale Meldewege mit definierten Zugriffsrechten; Notruf- und Rückzugsmöglichkeiten in publikumsintensiven Bereichen.
Organisatorisch: Beschwerdestelle mit klarem Verfahren und Fristen; Betriebs- oder Dienstvereinbarung zum partnerschaftlichen Verhalten; objektive Anforderungsprofile und standardisierte Interviewleitfäden; Einbindung des Themas in die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung; Deeskalationskonzepte für Kundenkontakt – hier gibt die DGUV Information 207-025 „Prävention von Gewalt und Aggression im Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege" Anhaltspunkte für Handlungshilfen; altersgemischte Teamgestaltung nach DGUV Information 206-004.
Personenbezogen: regelmäßige Unterweisung aller Beschäftigten, vertiefende Schulung für Führungskräfte und Beschwerdestelle, Verhaltenskodex, Sensibilisierung für Zivilcourage und aktives Eingreifen, Nachsorgeangebote für Betroffene. Die Rangfolge ist einzuhalten: Verhaltensappelle ersetzen keine belastbaren Strukturen und Verfahren.
Abschnitt 5
Zielgruppen & Branchen
Besonders hoher Handlungsbedarf besteht in Bereichen mit intensivem Publikumskontakt und heterogenen Belegschaften:
- Gesundheitswesen und Pflege: Übergriffe durch Patientinnen, Patienten und Angehörige, hohe Diversität der Teams
- Handel, Gastronomie und Sicherheitsdienste: Diskriminierung durch Kundschaft und Gäste, Zutrittsentscheidungen
- Produktion, Bau und Logistik: internationale Belegschaften, Sprachbarrieren, tradierte Rollenbilder
- Öffentliche Verwaltung und Bildung: besondere Bindung an Gleichbehandlungsgrundsätze
- Personalabteilungen, Führungskräfte und Beschwerdestellen: vertiefende Schulung, da sie die entscheidungsrelevanten Prozesse verantworten
Für Betriebsrat, Schwerbehindertenvertretung und Gleichstellungsbeauftragte empfiehlt sich eine gemeinsame Unterweisung, da § 17 AGG deren Mitwirkung ausdrücklich adressiert.
Abschnitt 6
Intervalle & Dokumentation
Anlassbezogen zusätzlich zu unterweisen ist insbesondere:
- bei Einstellung, Versetzung oder Übernahme von Führungsverantwortung
- nach einem Beschwerde- oder Vorfallsereignis im Betrieb
- bei Änderungen der Rechtslage oder relevanter Rechtsprechung
- bei Einführung neuer Auswahl-, Beurteilungs- oder Entgeltsysteme
- bei Einrichtung oder Umbesetzung der Beschwerdestelle nach § 13 AGG
Dokumentation: Festzuhalten sind Datum, Dauer, Inhalte, Name der unterweisenden Person, Teilnehmerliste mit Unterschrift oder gleichwertigem elektronischem Nachweis sowie das verwendete Material. Bei Online-Unterweisungen ersetzen protokollierte Zugriffs- und Abschlussdaten samt Lernerfolgskontrolle die händische Liste. Da § 22 AGG die Beweislast zugunsten der betroffenen Person verschiebt, ist der Schulungsnachweis das zentrale Entlastungsdokument des Arbeitgebers.
Aufbewahrung: Nachweise sollten mindestens für die Dauer des Beschäftigungsverhältnisses und darüber hinaus so lange aufbewahrt werden, wie Ansprüche geltend gemacht werden können; für arbeitsschutzbezogene Unterweisungsnachweise ist eine Aufbewahrung von mindestens zwei Jahren üblich, bei sensiblen Sachverhalten deutlich länger. Die Aufbewahrung ist datenschutzkonform zu gestalten.
In der Praxis
Was Verantwortliche wissen müssen
Checkliste
Das sollten Sie prüfen
- Liegt eine aktuelle, dokumentierte AGG-Unterweisung für alle Beschäftigten vor, einschließlich Auszubildender und Leiharbeitskräfte?
- Sind AGG, § 61b ArbGG und die Beschwerdestelle nach § 12 Abs. 5 AGG im Betrieb bekannt gemacht – per Aushang oder im Intranet?
- Ist eine Beschwerdestelle nach § 13 AGG benannt, erreichbar und mit einem schriftlich festgelegten Verfahren hinterlegt?
- Sind Führungskräfte, Personalverantwortliche und Beschwerdestelle zusätzlich vertieft geschult?
- Werden Stellenausschreibungen vor Veröffentlichung auf Konformität mit § 11 AGG geprüft (Alter, Geschlecht, Sprache, Foto, Belastbarkeit)?
- Existieren objektive, dokumentierte Kriterien für Auswahl, Beurteilung, Beförderung und Entgelt?
- Werden Bewerbungsunterlagen und Absagegründe so aufbewahrt, dass eine Entlastung nach § 22 AGG möglich ist?
- Ist das Thema Diskriminierung und Belästigung in der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung nach § 5 Abs. 3 Nr. 6 ArbSchG berücksichtigt?
- Gibt es festgelegte Maßnahmen für Benachteiligungen durch Dritte nach § 12 Abs. 4 AGG?
- Werden Beschwerdevorgänge vertraulich, fristgerecht und nachvollziehbar dokumentiert und rückgemeldet?
Häufige Fehler
Das geht oft schief
- Unterweisung nur für Führungskräfte§ 12 Abs. 2 AGG spricht von den Beschäftigten, nicht von der Leitungsebene. Wird nur das Management geschult, entfällt die Entlastungswirkung für Vorfälle unter Kolleginnen und Kollegen – und genau dort entstehen die meisten Belästigungssachverhalte.
- Beschwerdestelle existiert nur auf dem PapierEine Beschwerdestelle ohne bekannte Erreichbarkeit, ohne Verfahren und ohne Vertraulichkeitszusage wird nicht genutzt. Fehlt die Bekanntmachung nach § 12 Abs. 5 AGG, kann sich der Arbeitgeber im Streitfall nicht auf ein funktionierendes internes Verfahren berufen.
- Fehlende Dokumentation der AbsagegründeWegen der Beweislastregel des § 22 AGG genügt der Gegenseite der Vortrag von Indizien. Wer Auswahlentscheidungen nicht sachlich dokumentiert hat, kann die Vermutung einer Benachteiligung kaum widerlegen – Entschädigungsansprüche nach § 15 Abs. 2 AGG sind dann schwer abzuwehren.
- Benachteiligung durch Dritte wird ignoriertBeleidigungen durch Kundschaft, Gäste oder Patienten werden häufig als „gehört dazu" abgetan. § 12 Abs. 4 AGG verpflichtet den Arbeitgeber jedoch ausdrücklich, auch hier geeignete Schutzmaßnahmen zu treffen.
- Reaktion ohne VerhältnismäßigkeitSowohl das Nichtstun als auch die überschießende Sanktion sind fehlerhaft. § 12 Abs. 3 AGG verlangt die im Einzelfall geeignete, erforderliche und angemessene Maßnahme – auf Basis einer sauberen Sachverhaltsaufklärung und unter Wahrung des Maßregelungsverbots aus § 16 AGG.
- Einmalschulung ohne WiederholungEine Unterweisung aus dem Einstellungsjahr entfaltet Jahre später kaum noch Wirkung. Ohne jährliche Auffrischung analog § 4 DGUV Vorschrift 1 fehlt sowohl die praktische Wirksamkeit als auch die aktuelle Nachweisgrundlage.
Sonderfälle
Das gilt zusätzlich
- Menschen mit Behinderung Neben dem AGG greifen die Regelungen des SGB IX, insbesondere zu angemessenen Vorkehrungen, zur Beteiligung der Schwerbehindertenvertretung und zum Präventionsverfahren. Die Ablehnung barrierefreier Anpassungen ohne Prüfung der Zumutbarkeit ist regelmäßig ein Indiz im Sinne des § 22 AGG.
- Jugendliche und Auszubildende Auszubildende sind Beschäftigte im Sinne des § 6 AGG. Ergänzend gelten die Schutzvorschriften des JArbSchG. Für Jugendliche ist die Unterweisung sprachlich einfach zu halten und mit konkreten Beispielen aus dem Ausbildungsalltag zu verbinden.
- Schwangere und stillende Beschäftigte Benachteiligungen wegen Schwangerschaft oder Mutterschaft gelten als Benachteiligung wegen des Geschlechts. Ergänzend gelten die Schutz- und Beschäftigungsverbote des MuSchG; Schutzmaßnahmen dürfen nicht in eine Zurücksetzung bei Aufgaben oder Entwicklung umschlagen.
- Beschäftigte mit geringen Deutschkenntnissen Nach § 12 ArbSchG muss die Unterweisung verständlich sein. Fremdsprachige oder bildgestützte Fassungen sind daher keine Kür, sondern Voraussetzung für Wirksamkeit und Nachweisbarkeit.
- Ältere Beschäftigte und altersgemischte Teams Altersbezogene Zuschreibungen bei Weiterbildung, Digitalisierungsprojekten oder Beförderung sind ein häufiger Konfliktpunkt. Praxisnahe Anregungen bietet die DGUV Information 206-004 „Die Mischung macht's: Jung und Alt gemeinsam bei der Arbeit".
- Leiharbeit und Fremdfirmen Bei Arbeitnehmerüberlassung treffen Schutzpflichten sowohl Verleiher als auch Entleiher. Zuständigkeiten für Beschwerdeweg und Unterweisung sind vertraglich eindeutig zu regeln.
Häufige Fragen
Fragen zur Unterweisung Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz (AGG)
Ist eine AGG-Unterweisung gesetzlich verpflichtend?
Das AGG schreibt keine Unterweisung als isolierte Pflicht vor, verlangt aber in § 12 Abs. 1 AGG erforderliche Präventionsmaßnahmen. § 12 Abs. 2 AGG stellt klar, dass eine geeignete Schulung diese Pflicht erfüllt. Praktisch ist die dokumentierte Unterweisung damit der sicherste Weg zur Pflichterfüllung und zugleich das zentrale Entlastungsmittel im Streitfall.
Wie oft muss zum AGG unterwiesen werden?
Das AGG nennt kein Intervall. Üblich und empfohlen ist eine jährliche Wiederholung analog § 4 DGUV Vorschrift 1, zusätzlich anlassbezogen bei Einstellung, Versetzung, Rechtsänderungen oder nach Vorfällen.
Welche Merkmale schützt das AGG?
§ 1 AGG nennt acht Merkmale: Rasse, ethnische Herkunft, Geschlecht, Religion, Weltanschauung, Behinderung, Alter und sexuelle Identität. Der Katalog ist abschließend; geschützt ist auch die nur vermutete Zugehörigkeit.
Muss jeder Betrieb eine Beschwerdestelle einrichten?
Ja. § 13 AGG gibt Beschäftigten ein Beschwerderecht bei der zuständigen Stelle des Betriebs. Der Arbeitgeber muss eine solche Stelle benennen und nach § 12 Abs. 5 AGG bekannt machen – unabhängig von der Betriebsgröße. In kleinen Betrieben kann dies die Geschäftsführung selbst sein.
Welche Fristen gelten für Ansprüche nach dem AGG?
Nach § 15 Abs. 4 AGG sind Ansprüche auf Entschädigung und Schadensersatz innerhalb von zwei Monaten schriftlich geltend zu machen; die Frist beginnt bei einer Bewerbung oder einem beruflichen Aufstieg mit dem Zugang der Ablehnung. Für die anschließende Klage gilt § 61b ArbGG.
Was bedeutet die Beweislastregel des § 22 AGG?
Trägt die betroffene Person Indizien vor, die eine Benachteiligung wegen eines geschützten Merkmals vermuten lassen, muss der Arbeitgeber beweisen, dass kein Verstoß gegen die Bestimmungen zum Schutz vor Benachteiligung vorlag. Deshalb sind objektive Kriterien und deren Dokumentation so wichtig.
Ist eine Online-Unterweisung zum AGG zulässig?
Ja. Weder das AGG noch § 12 ArbSchG schreiben eine Präsenzform vor. Entscheidend sind Verständlichkeit, Betriebsbezug, eine Möglichkeit zur Rückfrage sowie eine Lernerfolgskontrolle und ein belastbarer Teilnahmenachweis. Online-Unterweisungen erfüllen diese Anforderungen bei entsprechender Ausgestaltung vollständig.
Wer unterstützt Betroffene außerhalb des Betriebs?
Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes nach § 25 AGG berät Betroffene unabhängig, informiert über Ansprüche und kann eine gütliche Beilegung anstreben. Daneben stehen Betriebsrat, Schwerbehindertenvertretung und Gewerkschaften nach § 17 AGG zur Verfügung.
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