DGUV 109-002
DGUV 109-002: Späne-Handling in der Metallbearbeitung
Welche Pflichten DGUV 109-002 beim Späne-Handling vorgibt: Risiken, Schutzmaßnahmen, Entsorgung und Unterweisung kompakt erklärt.
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Späne wirken harmlos – bis ein Fließspan eine tiefe Schnittwunde verursacht, ein Funke einen Behälter mit Magnesiumspänen entzündet oder ein abgeplatzter Bröckelspan im Auge landet. Die **DGUV Information 109-002 "Schleifen"** und die ergänzenden Regelwerke für die zerspanende Metallbearbeitung legen fest, wie Betriebe mit diesen Risiken umgehen müssen.
Dieser Artikel beantwortet die Kernfrage: **Welche konkreten Pflichten ergeben sich aus DGUV 109-002 für das Späne-Handling in der Metallbearbeitung – und wie setzen Sie diese rechtssicher um?** Sie erhalten Antworten zu Spänearten, persönlicher Schutzausrüstung, Absaugung, Entsorgung und den verpflichtenden Unterweisungsinhalten nach §12 ArbSchG.
Kurzfassung
Auf einen Blick
- §12 ArbSchG verpflichtet zur jährlichen Unterweisung aller Beschäftigten an spanenden Maschinen.
- Fließspäne erreichen Temperaturen über 600 °C und verursachen die meisten Schnitt- und Brandverletzungen.
- Magnesium- und Titanspäne sind nach TRGS 800 als entzündlich einzustufen und getrennt zu lagern.
- Spänehaken nach DIN sind Pflicht – Hände im laufenden Arbeitsraum sind verboten.
- Eine schriftliche Gefährdungsbeurteilung nach §5 ArbSchG ist die Grundlage jeder Schutzmaßnahme.
Abschnitt 1
Was regelt die DGUV 109-002 beim Späne-Handling konkret?
Die DGUV Information 109-002 ergänzt die DGUV Vorschrift 1 und die Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV) für Arbeiten an spanenden Werkzeugmaschinen. Sie konkretisiert §5 und §6 ArbSchG für die Praxis der Metallbearbeitung: Drehen, Fräsen, Bohren, Schleifen, Sägen.
Im Kern fordert die Information eine systematische Gefährdungsbeurteilung aller Arbeitsplätze, an denen Späne entstehen, sowie technische, organisatorische und personenbezogene Schutzmaßnahmen (TOP-Prinzip nach §4 ArbSchG). Die DGUV 109-002 verweist dabei auf:
- BetrSichV §3 – Gefährdungsbeurteilung der Arbeitsmittel
- TRGS 528 – Schweißtechnische Arbeiten (für angrenzende Brand-Risiken)
- TRGS 800 – Brandschutzmaßnahmen
- DGUV Regel 109-001 – Drehen
- DIN EN ISO 16089 – Sicherheit von Werkzeugmaschinen
Verantwortlich ist immer der Unternehmer (§13 ArbSchG), der die Pflicht delegieren kann – aber nicht die Verantwortung.
Abschnitt 2
Welche Spänearten entstehen und welche Risiken bergen sie?
Die Spanform hängt von Werkstoff, Werkzeuggeometrie, Schnittgeschwindigkeit und Kühlung ab. DGUV 109-002 unterscheidet fünf relevante Typen:
- Fließspäne: lange, scharfkantige Bänder bei zähen Werkstoffen (Stahl, Aluminium). Hauptursache für Schnittverletzungen und Maschinenstörungen. Temperaturen oft über 600 °C.
- Wendelspäne: spiralförmig, gut beherrschbar – aber bei Bruch ebenfalls scharfkantig.
- Bröckelspäne: spröde Werkstoffe (Gusseisen, Messing). Risiko: Augenverletzungen durch Wegschleudern.
- Stahlwolle-/Kurzspäne: beim Schleifen und Bohren. Setzen sich in Kleidung und Haut fest.
- Reaktive Späne: Magnesium, Titan, Zirkonium. Brand- und Explosionsgefahr – bereits ab 450 °C selbstentzündlich.
Statistisch dominieren Hand- und Augenverletzungen: Laut DGUV-Statistik 2023 entfallen rund 23 % aller Unfälle in der spanenden Fertigung auf den direkten Kontakt mit Spänen, weitere 11 % auf das Wegschleudern.
Abschnitt 3
Welche Schutzmaßnahmen sind nach DGUV 109-002 Pflicht?
Das STOP-Prinzip (Substitution – Technisch – Organisatorisch – Persönlich) ist verbindlich. In der Praxis heißt das:
Technische Maßnahmen (vorrangig):
- Geschlossene Arbeitsräume an CNC-Maschinen mit verriegelten Schutztüren nach DIN EN ISO 14120
- Spanleitstufen am Werkzeug zur kontrollierten Spanbildung
- Späneförderer (Hinge-Belt, Magnet-, Schubstangenförderer)
- Absauganlagen nach TRGS 528 für Aerosole und Feinstäube
- Funkenflug-Schutz und Brandmeldung in Spänebehältern
Organisatorische Maßnahmen:
- Betriebsanweisung nach §14 GefStoffV für Kühlschmierstoffe und reaktive Späne
- Reinigungsintervalle (Schicht-Ende, max. 8 h für Magnesium)
- Trennung von Spanbehältern nach Werkstoff
Persönliche Schutzausrüstung (PSA, letzte Stufe):
- Schutzbrille EN 166 mit seitlichem Schutz – verpflichtend
- Schnittschutzhandschuhe Klasse C oder D nach EN 388 – aber nicht an rotierenden Werkzeugen tragen (Einzugsgefahr!)
- Sicherheitsschuhe S3 nach EN ISO 20345
- Eng anliegende Arbeitskleidung, keine Krawatten, keine offenen Haare
Abschnitt 4
Wie räumen und entsorgen Sie Späne rechtssicher?
Der Spänehaken (auch Spänegreifer oder Späneklaue) ist das vorgeschriebene Werkzeug zum Entfernen von Spänen aus dem Arbeitsraum. Die DGUV 109-002 ist hier eindeutig: Greifen mit der Hand ist verboten, auch bei stillstehender Spindel – das Restrisiko durch scharfkantige Späne bleibt.
Regeln für die Räumung:
- Nur bei Maschinenstillstand und gesichertem Wiederanlauf (Schlüsselschalter, LOTO nach DGUV V3)
- Druckluft zum Reinigen nur mit Druckminderung < 2 bar und nie auf Personen
- Heiße Späne (> 200 °C) erst nach Abkühlung in den Sammelbehälter
Entsorgung nach AVV (Abfallverzeichnis-Verordnung):
- AVV 12 01 01 – Eisenmetallfeil- und -drehspäne (nicht gefährlich)
- AVV 12 01 03 – NE-Metallspäne
- AVV 12 01 06* – mineralische Bearbeitungsöle (gefährlich, sternmarkiert)
- Magnesium-/Titanspäne: separater nicht brennbarer Behälter, abgedeckt, getrennt gelagert, Brandklasse D
Behälter müssen nach TRGS 800 beschriftet sein (Inhalt, Werkstoff, Gefahr) und bei reaktiven Metallen mit Metallbrandlöscher (Pulver D) in Reichweite stehen.
Abschnitt 5
Welche Inhalte muss die jährliche Unterweisung abdecken?
§12 ArbSchG und §4 DGUV Vorschrift 1 verlangen eine mindestens jährliche Unterweisung – bei Auszubildenden halbjährlich. Die Unterweisung muss dokumentiert (Datum, Inhalt, Teilnehmer, Unterschriften) und arbeitsplatzspezifisch sein.
Pflichtinhalte für das Späne-Handling:
- Spanarten am eigenen Arbeitsplatz und ihre Risiken
- Bedienung von Schutzeinrichtungen (Türen, Not-Aus, Absaugung)
- Einsatz und Grenzen der PSA – insbesondere das Handschuh-Verbot an rotierenden Werkzeugen
- Sicheres Räumen mit dem Spänehaken
- Trennung und Entsorgung nach AVV
- Verhalten bei Spanbränden (Magnesium, Titan – kein Wasser!)
- Erste Hilfe bei Schnittverletzungen und Augenkontakt (Augennotdusche nach DIN EN 15154-2)
- Meldewege bei Beinaheunfällen
Die Unterweisung muss verständlich sein (§12 ArbSchG): bei fremdsprachigen Beschäftigten in der Muttersprache oder mit Dolmetscher. Reine E-Learning-Module ersetzen die arbeitsplatzbezogene Praxisunterweisung nicht.
Abschnitt 6
Welche Fehler treten in der Praxis am häufigsten auf?
Aus Audits und Unfallanalysen wiederholen sich bestimmte Defizite:
- Handschuhe an der Drehmaschine: Schnittschutzhandschuhe werden vorschriftswidrig an rotierenden Spindeln getragen – mit dramatischem Einzugsrisiko.
- Späne mit Druckluft wegblasen: führt zu Augenverletzungen und ist nach DGUV 109-002 nur in Ausnahmefällen zulässig.
- Gemischte Spanbehälter: Stahl + Aluminium + Magnesium im selben Container – Brandrisiko und Verstoß gegen AVV.
- Übervolle Behälter: heiße Späne entzünden Kühlschmierstoff-Reste; Brandlast unterschätzt.
- Fehlende Augenduschen: oder mit abgelaufenem Spülwasser, nicht jährlich geprüft.
- Unterweisung als Sammeltermin: ein Vortrag für die ganze Halle ersetzt keine arbeitsplatzbezogene Anweisung.
- Keine Dokumentation: bei Unfällen kann der Arbeitgeber die Erfüllung seiner Pflichten nach §12 ArbSchG nicht nachweisen – Haftung nach §823 BGB und §15 SGB VII.
Eine regelmäßige Begehung mit der Fachkraft für Arbeitssicherheit (Sifa) deckt diese Schwachstellen früh auf.
Abschnitt 7
Wie dokumentieren Sie die Pflichterfüllung rechtssicher?
Die Beweislast für die Erfüllung der Unterweisungspflicht liegt beim Arbeitgeber. Erforderlich sind:
- Gefährdungsbeurteilung je Arbeitsplatz (§5 ArbSchG), aktualisiert bei jeder wesentlichen Änderung
- Betriebsanweisungen für Maschinen (§9 BetrSichV) und Gefahrstoffe (§14 GefStoffV)
- Unterweisungsnachweis mit Datum, Themen, Teilnehmer-Unterschrift
- Prüfprotokolle für Absaugung, Spänehaken, Augenduschen, Feuerlöscher
- Wartungsdokumentation der Schutzeinrichtungen nach DGUV V3 und BetrSichV §14
Aufbewahrungsfristen: Unterweisungsnachweise mindestens 2 Jahre, bei Gefahrstoffen 40 Jahre (§14 GefStoffV). Digitale Dokumentation ist zulässig, wenn die Daten manipulationssicher und revisionsfest gespeichert sind.
Fragen und Antworten
Häufige Fragen
Gilt DGUV 109-002 auch für Auszubildende und Leiharbeiter?
Dürfen Schnittschutzhandschuhe an der Drehmaschine getragen werden?
Wie löscht man einen Magnesium-Spänebrand?
Wie oft muss die Späneabsaugung geprüft werden?
Welche Behältergröße ist für Magnesiumspäne zulässig?
Ist eine reine Online-Unterweisung für das Späne-Handling ausreichend?
Autor
Über Bettina Müller-Diesing
Bettina Müller-Diesing leitet das Unterweisungscenter und verantwortet die fachliche Pflege aller Arbeitsschutz- und DGUV-Inhalte. Mit Hintergrund als Diplom-Ingenieurin und MBA verbindet sie technische Tiefe mit betrieblicher Umsetzbarkeit. Ihre Beiträge fokussieren auf praxis- und rechtssichere Pflichten in Industrie, Handwerk, Pflege, Bildung und öffentlicher Verwaltung.