Thema · Kinderhilfe | Jugendhilfe
Unterweisung Jugendhilfe: Umgang mit selbstverletzendem Verhalten und Suizidalität
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Steckbrief
- Dauer
- ca. 9 Minuten, jederzeit unterbrechbar
- Bereiche
- Kinderhilfe, Jugendhilfe · Pädagogisch · Schulungen allg.
- Nachweis
- Zertifikat automatisch als PDF
- Sprachen
- Deutsch, Englisch, Französisch und weitere
- Kennung
- UWC-Nr. 7119
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Diese Unterweisung schafft die fachliche Grundlage dafür. Sie erklärt, welche Funktionen selbstverletzendes Verhalten für Betroffene erfüllt, worin es sich von suizidalem Erleben unterscheidet und wo beide Phänomene ineinandergreifen. Sie zeigt, welche Beobachtungen als Warnsignal gelten, wie ein offenes, wertfreies Gespräch gelingt und welche Schritte danach folgen – von der kollegialen Beratung über die Einbindung der insoweit erfahrenen Fachkraft bis zur Weiterleitung an medizinische oder therapeutische Hilfe.
Für Träger und Leitungskräfte ist das Thema zugleich eine Frage des Arbeitsschutzes: Der Umgang mit Krisen, Blut, Notfallsituationen und emotional stark belastenden Gesprächen stellt eine psychische Belastung dar, die in der Gefährdungsbeurteilung nach § 5 ArbSchG zu berücksichtigen ist. Eine strukturierte Unterweisung nach § 12 ArbSchG verbindet beides: Sie stärkt die Sicherheit der jungen Menschen und schützt die Beschäftigten vor Überforderung, Fehlreaktionen und sekundärer Traumatisierung.
Abschnitt 1
Rechtliche Grundlagen
Grundlage jeder Unterweisung ist die Beurteilung der Arbeitsbedingungen nach § 5 ArbSchG. Psychische Belastungen bei der Arbeit sind dort ausdrücklich als zu ermittelnde Gefährdung erfasst. Belastende Gesprächssituationen, Krisenintervention und die Konfrontation mit Selbstverletzung gehören in einer Einrichtung der Jugendhilfe zu den regelhaft auftretenden Faktoren. Die Ergebnisse und die festgelegten Maßnahmen sind nach § 6 ArbSchG zu dokumentieren. Ergänzend regelt § 10 ArbSchG die Erste Hilfe und sonstige Notfallmaßnahmen – hier ist festzulegen, wer bei einer akuten Verletzung oder einem Suizidversuch was tut und wie die Rettungskette funktioniert. § 4 ArbSchG gibt die allgemeinen Grundsätze vor, insbesondere den Vorrang der Gefahrenvermeidung an der Quelle und der kollektiven vor der individuellen Schutzmaßnahme. Nach § 15 ArbSchG sind die Beschäftigten ihrerseits verpflichtet, für ihre eigene Sicherheit und Gesundheit sowie für die anderer Personen Sorge zu tragen.
Fachrechtlich prägt das Achte Buch Sozialgesetzbuch (SGB VIII) das Handeln. § 1 SGB VIII verankert das Recht junger Menschen auf Förderung ihrer Entwicklung, § 27 SGB VIII die Hilfe zur Erziehung, § 35a SGB VIII die Eingliederungshilfe bei seelischer Behinderung oder drohender seelischer Behinderung – ein Zugang, der bei chronifiziertem selbstverletzendem Verhalten praktisch bedeutsam ist. Der Vertrauensschutz in der persönlichen und erzieherischen Hilfe ist in § 65 SGB VIII geregelt und bestimmt, unter welchen Bedingungen anvertraute Informationen weitergegeben werden dürfen. Für die Einschätzung einer Kindeswohlgefährdung und die Hinzuziehung einer insoweit erfahrenen Fachkraft ist zusätzlich das Gesetz zur Kooperation und Information im Kinderschutz (KKG) maßgeblich.
Für Einrichtungen mit Schulbezug oder Erste-Hilfe-Organisation sind die DGUV Information 202-059 „Erste Hilfe in Schulen" sowie das DGUV Information 204-008 „Handbuch zur Ersten Hilfe in Bildungs- und Betreuungseinrichtungen für Kinder" praxisnahe Arbeitshilfen. Der Umgang mit Blut und Wunden folgt zudem den Anforderungen der Biostoffverordnung (BioStoffV).
Abschnitt 2
Pflichten des Arbeitgebers
- Gefährdungsbeurteilung erstellen und fortschreiben: Nach § 5 ArbSchG sind die mit der Tätigkeit verbundenen Gefährdungen zu ermitteln – ausdrücklich einschließlich der psychischen Belastung durch Krisensituationen, Beziehungsarbeit unter Anspannung und die Konfrontation mit Selbstverletzung. Die Beurteilung ist arbeitsplatzbezogen anzulegen: Nachtdienst in der Wohngruppe unterscheidet sich erheblich vom ambulanten Einsatz.
- Unterweisen und wiederholen: § 12 ArbSchG verlangt eine Unterweisung vor Aufnahme der Tätigkeit und danach regelmäßig. Sie muss auf den konkreten Arbeitsplatz zugeschnitten sein und in verständlicher Sprache erfolgen.
- Dokumentieren: § 6 ArbSchG verlangt Unterlagen über das Ergebnis der Gefährdungsbeurteilung, die festgelegten Maßnahmen und deren Wirksamkeitskontrolle.
- Notfallorganisation sicherstellen: Nach § 10 ArbSchG sind Erste Hilfe und Notfallmaßnahmen zu organisieren – mit benannten Ersthelfenden, erreichbarer Rufbereitschaft und einem schriftlichen Krisenablauf.
- Aufgaben schriftlich übertragen: Werden Leitungsaufgaben delegiert, ist dies nach § 13 ArbSchG in Verbindung mit § 7 ArbSchG schriftlich und mit klarer Befugnisregelung zu fassen.
- Beschäftigte beteiligen: § 17 ArbSchG gibt den Beschäftigten das Recht, Vorschläge zu machen; § 14 ArbSchG sichert Unterrichtung und Anhörung.
Ergänzend gehört zur Fürsorgepflicht ein belastbares Nachsorgeangebot: Supervision, kollegiale Fallberatung und die Möglichkeit psychologischer Erstbetreuung nach besonders belastenden Ereignissen. Wo Beschäftigte unter 18 Jahren – etwa Auszubildende oder Praktikanten – eingesetzt werden, ist zusätzlich das Jugendarbeitsschutzgesetz (JArbSchG) zu beachten; sie dürfen nicht allein in Krisensituationen gestellt werden.
Abschnitt 3
Inhalte der Unterweisung
Grundlagen und Begriffsklärung
Zunächst wird nicht-suizidales selbstverletzendes Verhalten (NSSV) von suizidalem Verhalten abgegrenzt. NSSV bezeichnet die direkte, willentliche Schädigung des eigenen Körpergewebes ohne Sterbeabsicht – etwa Schneiden, Verbrennen, Kratzen, Schlagen oder das Verhindern der Wundheilung. Die Unterweisung erklärt die dahinterliegenden Funktionen: Regulation überwältigender Anspannung, Beendigung von Dissoziation, Selbstbestrafung, Ausdruck innerer Not, wenn Worte fehlen. Diese Funktionsperspektive ist entscheidend, weil sie das verbreitete Fehlurteil „will nur Aufmerksamkeit" ersetzt. Zugleich wird deutlich gemacht: NSSV ist ein bedeutsamer Risikofaktor für spätere Suizidversuche – die Abgrenzung ist fachlich wichtig, darf aber nie zur Verharmlosung führen.
Häufigkeit, Verlauf und Risikofaktoren
Behandelt werden das typische Ersterkrankungsalter im frühen Jugendalter, der oft episodische Verlauf und die häufige Verbindung mit Depression, Traumafolgestörungen, Essstörungen und emotional instabiler Persönlichkeitsentwicklung. Ergänzend werden Risikofaktoren aus dem Lebensumfeld besprochen: Gewalterfahrungen, Vernachlässigung, Mobbing, Ausgrenzung, Beziehungsabbrüche und die Rolle sozialer Medien einschließlich Nachahmungseffekten.
Warnsignale im beruflichen Alltag
Ein Kernteil der Schulung sind konkrete Beobachtungspunkte:
- Frische, gruppierte oder parallel verlaufende Verletzungen an Unterarmen, Oberschenkeln, Bauch
- Auffällige Kleidung bei Wärme, Vermeidung von Sport, Schwimmen oder Umkleidesituationen
- Verschwundene Rasierklingen, Scheren, Feuerzeuge; versteckte Utensilien
- Sozialer Rückzug, plötzlicher Leistungsabfall, Schlafstörungen
- Verbale Andeutungen: „Es wäre besser, wenn es mich nicht gäbe", Abschiedsbriefe, Verschenken persönlicher Dinge
- Auffällige Ruhe nach langer Krise – ein häufig fehlgedeutetes Alarmzeichen, das auf einen gefassten Entschluss hindeuten kann
Das Gespräch führen
Vermittelt wird eine wertfreie, direkte Gesprächshaltung. Zentrale Botschaft: Das offene Ansprechen von Suizidgedanken löst diese nicht aus, sondern entlastet. Geübt werden das direkte Nachfragen („Denkst du daran, dir das Leben zu nehmen?"), das Aushalten von Schweigen, aktives Zuhören ohne Bagatellisierung („so schlimm ist es doch nicht") und ohne Dramatisierung. Ebenso wichtig sind die Grenzen: keine Geheimhaltung zusagen, keine therapeutische Rolle übernehmen, keine Verhandlungen über Verletzungshäufigkeit, kein Druck durch Verbote oder Kontrollrituale.
Handlungsschritte und Krisenablauf
Die Unterweisung legt die verbindliche Reihenfolge fest: Sicherheit herstellen, Wunde versorgen, Person nicht allein lassen, Leitung informieren, kollegiale Beratung nutzen, insoweit erfahrene Fachkraft einbeziehen, Sorgeberechtigte je nach Sachlage beteiligen, ärztliche oder kinder- und jugendpsychiatrische Abklärung veranlassen. Bei akuter Suizidgefahr gilt der Notruf 112. Die Erstversorgung von Wunden folgt den Vorgaben der betrieblichen Ersten Hilfe; als Nachschlagewerke dienen die DGUV Information 204-006 „Anleitung zur Ersten Hilfe" und das DGUV Information 204-007 „Handbuch zur Ersten Hilfe". Jede Erste-Hilfe-Leistung wird dokumentiert – etwa mit dem DGUV Information 204-021 (Meldeblock zur Dokumentation von Erste-Hilfe-Leistungen).
Praxisbeispiele
Fallbezogen bearbeitet werden unter anderem: eine Jugendliche zeigt im Nachtdienst frische Schnittwunden und bittet um Verschwiegenheit; ein Junge deutet in der Gruppe an, „bald weg zu sein"; nach einem Suizidversuch kehrt eine Bewohnerin in die Wohngruppe zurück und die Gruppe reagiert verunsichert. Jeder Fall endet mit der Frage: Was ist der erste Schritt, wer wird wann informiert, was wird schriftlich festgehalten?
Abschnitt 4
Gefährdungen & Schutzmaßnahmen
Gefährdungen für Beschäftigte
- Psychische Belastung: Miterleben von Selbstverletzung, Angst vor Fehlentscheidungen, Verantwortungsdruck bei akuter Suizidgefahr, sekundäre Traumatisierung nach einem vollendeten Suizid
- Biologische Gefährdung: Kontakt mit Blut bei der Wundversorgung – Infektionsrisiko im Sinne der BioStoffV
- Verletzungsgefahr: Schnittwerkzeuge in der Umgebung, aggressive Zuspitzung in Krisen
- Dauerbelastung: Rufbereitschaft, Nachtdienst, Alleinarbeit ohne unmittelbare kollegiale Rückendeckung
Maßnahmen nach dem TOP-Prinzip
Technisch: Sichere Aufbewahrung scharfer und spitzer Gegenstände sowie von Medikamenten in verschließbaren Schränken; Erste-Hilfe-Material und Einmalhandschuhe an bekannten, jederzeit erreichbaren Orten; funktionierendes Notrufsystem im Nachtdienst; Reduzierung baulicher Suizidmittel (z. B. Absturzsicherungen, Vermeidung geeigneter Befestigungspunkte).
Organisatorisch: Schriftlicher Krisen- und Notfallplan mit klarer Meldekette und Erreichbarkeiten rund um die Uhr; Vier-Augen-Prinzip bei Krisengesprächen; feste Übergabestrukturen; Regelsupervision und kollegiale Fallberatung; Nachbesprechung nach jedem belastenden Ereignis; ausreichende Zahl ausgebildeter Ersthelfender; keine Alleinarbeit bei bekannt hoher Krisendichte; Kooperationsvereinbarungen mit Kinder- und Jugendpsychiatrie und Beratungsstellen.
Personenbezogen: Regelmäßige Unterweisung und Fortbildung, Einmalhandschuhe und Hautschutz bei der Wundversorgung, Angebot arbeitsmedizinischer Vorsorge im Rahmen der ArbMedVV, individuelle Belastungsgespräche und die Möglichkeit vertraulicher psychologischer Unterstützung.
Wichtig bleibt die Rangfolge nach § 4 ArbSchG: Erst wird die Gefahr an der Quelle bekämpft und werden kollektiv wirkende Maßnahmen ergriffen, bevor individuelle Schutzmaßnahmen greifen. Eine gut aufgestellte Notfallorganisation entlastet stärker als jede Einzelmaßnahme am Arbeitsplatz.
Abschnitt 5
Zielgruppen & Branchen
- Stationäre und teilstationäre Jugendhilfe: Wohngruppen, Inobhutnahmestellen, Erziehungsstellen, Tagesgruppen – hier ist die Krisendichte am höchsten, insbesondere im Nacht- und Wochenenddienst
- Ambulante Hilfen: Sozialpädagogische Familienhilfe (§ 31 SGB VIII), intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung (§ 35 SGB VIII), Hilfe für junge Volljährige (§ 41 SGB VIII)
- Jugendämter und Beratungsstellen: ASD, Erziehungs- und Familienberatung
- Schulsozialarbeit, Ganztag und Jugendarbeit: Offene Jugendarbeit, Jugendverbände, Ferienfreizeiten
- Berufsbildung und Werkstätten für junge Menschen sowie Einrichtungen der Eingliederungshilfe
Adressiert werden sowohl pädagogische Fachkräfte als auch Personen ohne einschlägige Fachausbildung – Hauswirtschaft, Verwaltung, Hausmeisterdienst, Fahrdienste, Honorarkräfte und Ehrenamtliche. Gerade diese Gruppen erhalten häufig als Erste eine Andeutung oder bemerken Verletzungen, ohne über eine Handlungsroutine zu verfügen. Für Leitungskräfte kommt die Verantwortung für Krisenplan, Meldekette und Nachsorge hinzu.
Abschnitt 6
Intervalle & Dokumentation
Anlassbezogen ist zusätzlich zu unterweisen bei:
- Neueinstellung, Versetzung oder Wechsel des Aufgabenbereichs, etwa vom Tag- in den Nachtdienst
- Aufnahme eines jungen Menschen mit bekannter Selbstverletzungs- oder Suizidproblematik
- Änderung des Krisen- oder Notfallplans, neuer Kooperationsstrukturen oder rechtlicher Vorgaben
- Nach einem Vorfall – als Nachbesprechung und Anpassung der Abläufe
Dokumentation: Festzuhalten sind Datum, Dauer, Inhalte, Name der unterweisenden Person sowie die Namen und Unterschriften der Teilnehmenden. Bei Online-Unterweisungen tritt die revisionssichere Systemaufzeichnung mit Lernerfolgskontrolle an die Stelle der Unterschriftenliste. Die Nachweise gehören zu den Unterlagen nach § 6 ArbSchG.
Aufbewahrung: Unterweisungsnachweise sollten mindestens bis zur nächsten Unterweisung, praxisüblich jedoch für die Dauer des Beschäftigungsverhältnisses vorgehalten werden, da sie im Schadensfall der Entlastung dienen. Fallbezogene Aufzeichnungen zu einzelnen jungen Menschen unterliegen dem besonderen Vertrauensschutz nach § 65 SGB VIII und sind getrennt von den Arbeitsschutzunterlagen zu führen.
In der Praxis
Was Verantwortliche wissen müssen
Checkliste
Das sollten Sie prüfen
- Liegt eine aktuelle Gefährdungsbeurteilung nach § 5 ArbSchG vor, die psychische Belastungen durch Krisensituationen ausdrücklich erfasst?
- Existiert ein schriftlicher Krisen- und Notfallplan mit Meldekette, Erreichbarkeiten und klarer Zuständigkeit rund um die Uhr?
- Ist geregelt, wann und wie die insoweit erfahrene Fachkraft nach dem KKG einbezogen wird?
- Sind scharfe und spitze Gegenstände sowie Medikamente sicher und nachvollziehbar verwahrt?
- Kennen alle Beschäftigten – auch Hauswirtschaft, Verwaltung und Honorarkräfte – die ersten drei Handlungsschritte bei einem akuten Vorfall?
- Ist eine ausreichende Zahl an Ersthelfenden benannt, und ist Erste-Hilfe-Material einschließlich Einmalhandschuhen jederzeit erreichbar?
- Bestehen feste Kooperationswege zu Kinder- und Jugendpsychiatrie, Beratungsstellen und Rettungsdienst?
- Sind Supervision, kollegiale Fallberatung und Nachbesprechung nach belastenden Ereignissen verbindlich verankert?
- Ist die Unterweisung mit Datum, Inhalt und Teilnehmenden nach § 6 ArbSchG dokumentiert?
- Wurde die Wirksamkeit der Maßnahmen nach einem Vorfall überprüft und der Plan angepasst?
Häufige Fehler
Das geht oft schief
- Verschwiegenheit zusagenDie Bitte „Sag es niemandem" ist verständlich, darf aber nie versprochen werden. Fachkräfte sollten von Beginn an transparent machen, dass sie bei Gefahr für Leib und Leben andere einbeziehen müssen. Ein gebrochenes Versprechen zerstört Vertrauen nachhaltiger als eine ehrliche Ansage.
- Selbstverletzung als Aufmerksamkeitssuche abtunDie Bewertung „will sich nur wichtig machen" verhindert Hilfe und verstärkt Scham. NSSV erfüllt reale Regulationsfunktionen und ist ein anerkannter Risikofaktor für spätere Suizidversuche. Jede Selbstverletzung wird fachlich ernst genommen, unabhängig von der Wundtiefe.
- Suizidgedanken nicht direkt ansprechenAus Angst, „auf Ideen zu bringen", wird das Thema umschifft. Fachlich ist das Gegenteil belegt: Das offene, direkte Nachfragen entlastet Betroffene und schafft überhaupt erst die Grundlage für Hilfe.
- Psychische Belastungen in der Gefährdungsbeurteilung auslassenViele Beurteilungen in der Jugendhilfe erfassen Stolperstellen und Hygiene, nicht aber die Konfrontation mit Krisen und Suizidalität. Das widerspricht § 5 ArbSchG und lässt die Beschäftigten ohne organisatorische Absicherung.
- Nur pädagogische Fachkräfte unterweisenAndeutungen fallen häufig gegenüber Hauswirtschaft, Fahrdienst oder Hausmeister – also gegenüber Personen, die als unbeteiligt wahrgenommen werden. Wer diese Gruppen ausspart, lässt eine der wichtigsten Meldewege ungenutzt.
- Keine Nachsorge für das TeamNach einem Suizidversuch oder Suizid wird der Betrieb schnell wieder aufgenommen, ohne die Beschäftigten zu entlasten. Fehlende Nachbesprechung und Supervision begünstigen sekundäre Traumatisierung, Krankenstand und Fluktuation.
Sonderfälle
Das gilt zusätzlich
- Minderjährige Beschäftigte und Auszubildende Praktikantinnen, Praktikanten und Auszubildende unter 18 Jahren unterliegen dem JArbSchG mit halbjährlicher Unterweisungspflicht. Sie dürfen nicht allein die Verantwortung in einer akuten Krise tragen und benötigen jederzeit erreichbare Anleitung.
- Schwangere und stillende Beschäftigte Nach dem Mutterschutzgesetz (MuSchG) ist eine anlassbezogene Beurteilung der Arbeitsbedingungen vorzunehmen. Tätigkeiten mit erhöhter Gefahr körperlicher Zuspitzung, Nachtdienst und Alleinarbeit in krisenintensiven Settings sind dabei besonders zu betrachten.
- Beschäftigte mit eigener Betroffenheit Fachkräfte mit eigener Selbstverletzungs- oder Suizidgeschichte oder mit einem Verlust im nahen Umfeld können durch das Thema stark belastet werden. Es sollte niederschwellig möglich sein, sich aus einer Fallverantwortung zurückzuziehen, ohne dies begründen zu müssen.
- Junge Volljährige Bei Hilfen nach § 41 SGB VIII entfällt die Einbindung von Sorgeberechtigten. Die Handlungslogik verschiebt sich hin zur Selbstbestimmung – bei akuter, unmittelbarer Lebensgefahr bleibt der Notruf gleichwohl zwingend.
- Junge Menschen mit Sprachbarriere oder Behinderung Bei unbegleiteten minderjährigen Ausländern und bei kognitiver oder seelischer Beeinträchtigung (§ 35a SGB VIII) müssen Warnsignale anders gelesen werden. Dolmetschende, Bezugspersonen und einfache Sprache sind hier Teil der Krisenplanung.
Häufige Fragen
Fragen zur Unterweisung Jugendhilfe: Umgang mit selbstverletzendem Verhalten und Suizidalität
Ist die Unterweisung zu selbstverletzendem Verhalten und Suizidalität gesetzlich vorgeschrieben?
Ja. Die Pflicht folgt aus § 12 ArbSchG in Verbindung mit § 5 ArbSchG. Ergibt die Gefährdungsbeurteilung, dass Beschäftigte regelmäßig mit Krisen, Selbstverletzung oder Suizidalität konfrontiert sind – was in der Jugendhilfe der Regelfall ist –, muss dazu unterwiesen werden.
Wie oft muss die Unterweisung wiederholt werden?
§ 12 ArbSchG verlangt eine regelmäßige Wiederholung ohne feste Frist. Praxisstandard ist ein jährlicher Turnus; bei Beschäftigten unter 18 Jahren schreibt das JArbSchG eine halbjährliche Unterweisung vor. Zusätzlich ist anlassbezogen zu unterweisen, etwa nach einem Vorfall oder bei Änderung des Krisenplans.
Löst das direkte Ansprechen von Suizidgedanken diese aus?
Nein. Das offene, direkte Nachfragen wirkt entlastend und ermöglicht Hilfe. Die Sorge, durch Ansprechen „auf Ideen zu bringen", ist fachlich nicht haltbar und führt in der Praxis dazu, dass Betroffene mit ihrer Not allein bleiben.
Darf ich Verschwiegenheit zusagen, wenn ein Jugendlicher darum bittet?
Nein. Bei Anhaltspunkten für eine Gefährdung von Leib und Leben ist die Weitergabe an Leitung und gegebenenfalls an weitere Stellen erforderlich. § 65 SGB VIII regelt den besonderen Vertrauensschutz und dessen Grenzen. Transparenz von Anfang an ist der bessere Weg: erklären, was vertraulich bleibt und was nicht.
Was ist der Unterschied zwischen NSSV und Suizidalität?
Nicht-suizidales selbstverletzendes Verhalten dient der Bewältigung unerträglicher Anspannung – ohne Sterbeabsicht. Suizidalität ist auf die Beendigung des Lebens gerichtet. Beides kann jedoch nebeneinander bestehen; NSSV gilt als bedeutsamer Risikofaktor für spätere Suizidversuche und wird deshalb nie als „harmlos" eingestuft.
Wer muss unterwiesen werden – nur pädagogische Fachkräfte?
Alle Beschäftigten mit Kontakt zu den jungen Menschen, also auch Hauswirtschaft, Verwaltung, Fahrdienst, Hausmeisterdienst sowie Honorarkräfte. Erste Andeutungen fallen häufig gerade gegenüber diesen Personen.
Kann die Unterweisung online durchgeführt werden?
Ja. § 12 ArbSchG schreibt kein Format vor. Entscheidend sind Arbeitsplatzbezug, Verständlichkeit, eine Möglichkeit zur Rückfrage und ein nachprüfbarer Nachweis. Eine Online-Unterweisung mit Lernerfolgskontrolle erfüllt diese Anforderungen und sollte durch praktische Fallbesprechungen im Team ergänzt werden.
Wie lange sind die Nachweise aufzubewahren?
Unterweisungsnachweise gehören zu den Unterlagen nach § 6 ArbSchG. Empfohlen wird die Aufbewahrung für die Dauer des Beschäftigungsverhältnisses, da sie im Schadens- oder Haftungsfall der Entlastung dienen. Fallbezogene Aufzeichnungen zu einzelnen jungen Menschen sind davon getrennt und nach § 65 SGB VIII geschützt zu führen.
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